Ihr neues Musical MARIE ANTOINETTE hatte am 01. November 2006 in Japan Premiere. Warum fand die Uraufführung in Tokio statt und nicht in Europa?
Die Idee zu MARIE ANTOINETTE basiert auf einem Buch des japanischen Autors Shusaku Endo. Die japanische Theaterproduktionsgesellschaft Toho machte mich auf dieses Buch aufmerksam und gab mir den Auftrag, daraus ein DramaMusical zu machen. Obwohl ich im Laufe der Arbeiten von der Buchvorlage sehr weit abgewichen bin, war dieses japanische Werk doch die Inspiration zu dem Musical. Eine Idee von Endo faszinierte mich von Anfang an, nämlich die, der unglücklichen Königin von Frankreich ein gleichaltriges Mädchen aus dem Volke gegenüberzustellen. Während der Stern von Marie Antoinette sinkt, steigt dieses Mädchen, ihr Name ist Margrid Arnaud, mit der Revolution auf. Im zweiten Teil des Musicals treffen Margrid Arnaud und Marie Antoinette aufeinander. Damit entwickelt die Geschichte eine Dramatik, die weit über die Darstellung der historischen Tatsachen hinausgeht. Wunderbare Vorlagen für Sylvester Levay, das Drama mit emotionaler Musik zu verstärken.
Inwiefern hat der zur Zeit heftig diskutierte Film „Marie Antoinette“ von Sofia Copolla mit dem Musical zu tun?
Es ist ein reiner Zufall, dass der Film und das Musical gleichzeitig herauskamen. Der Film befasst sich nur mit Marie Antoinette und zwar vornehmlich in der Zeit vor dem Höhepunkt der Revolution. Das Musical schildert dagegen den Untergang der Königin während der Revolutionswirren und den Aufstieg ihrer Gegenspielerin Margrid Arnaud. Die Intention des Filmes, so wie ich ihn sehe, ist es, die Welt der Marie Antoinette ästhetisch und gesellschaftlich darzustellen und mit der Gegenwart zu vergleichen. Das Ziel meines Musicals ist es, eine dramatische Geschichte zu erzählen, die über die Schilderung der historischen Gegebenheiten hinaus die zeitlosen Fragen nach Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenwürde aufwirft.
Damit sind wir gleich bei meiner nächsten Frage: Was hat Sie an diesem Stoff interessiert und weshalb halten Sie die Geschichte von Marie Antoinette für erzählenswert?
Was mich in erster Linie an dem Stoff interessiert, ist das Thema „Hochmut“. Beide Hauptfiguren meines Musicals, nämlich die Königin von Frankreich sowie die junge Revolutionärin Margrid Arnaud, sind auf ihre Art hochmütig. Die Königin hält sich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer herausgehobenen Stellung für etwas Besseres. Die junge Revolutionärin glaubt, sie sei auserwählt, die Welt zu verbessern. Sie hält sich für moralisch überlegen. Für beide gilt, daß sie sich über andere Menschen erheben. Ich glaube nicht, dass irgend jemand das darf. Das ist ein Thema, dass mich persönlich sehr beschäftigt. Darüber hinaus hat der Stoff aber auch einen starken Zeitbezug, sofern es um die Frage geht, ob man seine Vorstellungen von einer idealen Welt mit Gewalt realisieren darf. Wir kommen heutzutage nicht darum herum, die Motive der religiösen und politischen Fanatiker ernst zu nehmen und uns mit der vermeintlichen Rechtfertigung ihrer Taten zu beschäftigen. Vor dem historischen Hintergrund der französischen Revolution geschieht dies in dem Musical MARIE ANTOINETTE. Es setzt sich mit dem aktuellen Problem des Terrorismus auseinander.
Waren Sie mit der kreativen Umsetzung Ihres Stückes in Japan zufrieden?
Zufrieden ist zu wenig gesagt. Ich war absolut begeistert von der Arbeit des Regisseurs Tamiya Kuriyama und der Leistung der japanischen Cast. Ich habe eigentlich noch nie in meiner Karriere ein so aufgeschlossenes und fähiges Team vorgefunden. Wegen des kulturellen Unterschiedes und der Sprachdifferenzen hatte ich Schwierigkeiten befürchtet. Aber schon während der zahlreichen Vorgespräche zeigte sich, dass es keine Sprachbarriere gibt, wenn man sich mental versteht. Bei den Proben war ich überrascht, wie genau die Regie mein Libretto verstanden und durch neue Ideen kreativ ausgebaut hat. Ich halte Kuriyama, der sehr zu Recht Chef des japanischen Nationaltheaters ist, für einen der genialsten Musiktheaterregisseure der Welt. In künstlerischer Hinsicht entspricht die japanische Produktion von MARIE ANTOINETTE meinen kühnsten Hoffnungen.
Können Sie schon etwas über den Erfolg der Produktion in Tokio sagen?
Eines kann man schon jetzt sagen: MARIE ANTOINETTE ist ein großer künstlerischer Erfolg. Die Kritiker der wichtigsten japanischen Tageszeitungen Asahi Shimbun und Nikkei Shimbun haben dies entsprechend gewürdigt. Das Publikum war in den Vorstellungen, die ich sah, von der emotionalen Kraft des Stückes und seiner Realisierung auf der Bühne zunächst wie erschlagen. Nach dem Fallen des Vorhangs herrschte minutenlanges Schweigen. Ich habe das noch nie im Theater erlebt. Dann begann der Applaus, erst verhalten dann immer stärker werdend. Die ersten Zuschauer erhoben sich von den Sitzen und schließlich stand jeder der 1880 Zuschauer und hörte nicht auf zu klatschen. Und nun weigerten sich die sonst so disziplinierten Japaner, das Theater zu verlassen. Sie standen einfach da und applaudierten. Erst mehrfache Lautsprecherdurchsagen, die dringlich zum Verlassen des Theaters aufforderten, konnten die Ovation nach und nach beenden. Inwieweit sich dieses Verhalten auf die Ticketverkäufe auswirkt, wird sich zeigen. Angesichts des künstlerischen Erfolgs ist mir der kommerzielle allerdings gar nicht mehr so wichtig.
Wird es eine CD von der japanischen Uraufführung von „Marie Antoinette“ geben?
Obwohl eine CD-Produktion ursprünglich nicht geplant war, hat sich die Toho Company entschlossen, die Vorstellung live aufzunehmen und auf einer Doppel-CD zu veröffentlichen. Das wird jedoch sicher nicht vor Ende des Jahres passieren.
Wird „Marie Antoinette“ irgendwann nach Europa, insbesondere nach Deutschland kommen?
Mehrere Produzenten aus dem deutschsprachigen und englischsprachigen Raum haben Interesse angemeldet. Man muss sehen, was daraus wird. Ich habe bei meinen bisherigen Musicals immer dafür plädiert, dass an jedem Aufführungsort eigenständige Versionen von jeweils einheimischen Regisseuren erarbeitet werden. Im Fall „Marie Antoinette“ bin ich mir erstmals nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Ich würde mir wünschen, das die Inszenierung von Tamiya Kuriyama auf der ganzen Welt gezeigt wird. Eine bessere Umsetzung meines Konzepts kann ich mir nicht vorstellen. |